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Penthesilea
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KONZEPTIONELLE ÜBERLEGUNGEN


“Dies, du Geliebter, war´s, und weiter nichts”, sagt Penthesilea kurz vorm Schluß und küßt die zerfetzte Leiche des Achill. Nachdem sie durch Erde, Himmel und Hölle gerast ist, kommt sie bei sich und ihren ureigensten Wünschen an. Versucht sie, was sie immer tun wollte. Den Geliebten küssen. Ihn halten. Doch beides ist nicht mehr möglich. Zerlegt in Einzelteile, zerschmettert, wie er ist, fehlt ihm nicht nur der Mund, die Lippe gar, sondern auch die Wärme des Atems, die den Kuß erst wirklich werden ließe. Kleists Stück erzählt davon, welch ungeheure Widerstände ein Mensch überwinden muß, um bei sich zu sein. Wer setzt diese Widerstände? Wer verhindert so machtvoll das Zu-sich-kommen? Der Staat, die Gesellschaft mit ihren Sitten, Gesetzen, Anforderungen? Oder vielmehr der nicht mit sich verbundene Mensch? Wo liegen die Grenzen, die unüberwindbar scheinen – Außen, im Anderen oder im Selbst?



“Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten,/ Nicht aber wanke in dir selber mehr”. Aus Furcht vor der verzweifelten Grenzüberschreitung Penthesileas, den Geliebten zu töten und sich einzuverleiben, wird das Stück gern als ein Versuch Kleists, die unüberwindbare Trennung von Mann und Frau zu thematisieren oder – noch unverfänglicher – als ein Exkurs in die griechische Mythologie gelesen. Mit der Antike aber hat es kaum etwas zu tun. Sie bietet nur den Ausgangspunkt für Kleist, der mit den Überlieferungen bemerkenswert fahrlässig umgeht. Goethe suchte “das Land der Griechen mit der Seele”. Kleist sucht nicht das Land. Er sucht die Seele. Und so greift auch die Mann/Frau-Problematik zu kurz. Nicht nur den unterschiedlichen Geschlechtern scheint es schier unmöglich, sich zu vereinen, nein, selbst der einzelne Mensch bleibt unvereint, kommt nicht zu sich.




“Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.” Kleist ist Penthesilea. Natürlich ist er es nicht. Aber er spricht durch sie und spielt in seinem wüsten Kopf das Spiel mit ihr, das für ihn selbst blutiger Ernst ist. Kleist findet sich in einer Frau. Ich erzähle “Penthesilea” als Tat–Traum eines Menschen. Eines Menschen – übriggeblieben, am Ende der Welt und von ihr verlassen. Eines Menschen, der eine Geschichte durchspielt, um sich zu erinnern, der sich aufspaltet in verschiedene Personen und Geschlechter, die er verzweifelt versucht zu vereinen. Zwänge, Widersprüche, Sehnsucht, Triebe, Aggression und Unterwerfung, Besitzen- und Besessensein-Wollen, Vernunft und Gefühl, maßlos und kleinkariert – alles unvereint in einem Menschen. Stimmen, die aus ihm stürzen. In einer furchtbar schönen, furchtbar gewalttätigen Sprache. Die ihn letztlich zu sich führt. Und in den Tod. Immer, in jeder Sekunde des Stückes sind sie beieinander: der Tod und die Liebe. Und nie sind sie zu trennen.




“Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf´ ich,/ Vernichtender, entsetzlicher, herbei!” Kleist und Krieg. Das Schlachtfeld des Stückes ist die Sprache. Es sind Wortschlachten, die in “Penthesilea” geschlagen werden. Der häufigste, immer wiederkehrende Befehl lautet: “So rede! Sprich!” Und doch erinnert das Waffengeklirr und die Brutalität der Vorgänge an das, was wir heute live am Fernseher erleben dürfen. Der Krieg ist, sowohl für die Griechen als auch die Amazonen, die Existenzgrundlage ihrer Systeme. Regeln, Gesetze und permanenter Ausnahmezustand, Grenzerfahrungen. Bei den Griechen scheint es etwas “geordneter” zuzugehen. Die Amazonen dagegen sind ein Volk von Terroristinnen. Penthesilea aber, die Oberterroristin, stellt die ehernen Gesetze ihres Staates in Frage: ihr passiert das Ungeheuerliche, das Unvorhergesehene, das Unerlaubte: die Liebe. Dieser Liebe stellt sie sich. Von dieser Liebe läßt sie sich hinreißen. Fortreißen. Diese Liebe wütet in ihr. Die Liebe und die Umstände, in denen sie sich bewähren muß, und mehr noch ihr Versuch, ihre Liebe und die Umstände miteinander zu verbinden, zerreißen sie. Wie mit Ketten gebunden an alles: ihre Frauen, ihren Staat, ihre Gesetze, ihren Gott, ihr verschüttetes, aufbegehrendes Selbst, an Achill – den “Störfall“, alles will sie vereinen, zurechtrücken, allem will sie sein Recht zugestehen, und alles gemeinsam zieht an ihr, zerfetzt erst ihn und mit ihm sie. Aber in dieser Explosion erfüllt sich nichts, sondern wird alles vernichtet. “Der Tanais Asche, streut sie in die Luft!” Asche. Alles und alle zum Schluß begraben unter einer dicken Schicht Asche. Doch nicht nur die Amazonen, auch den Staatsterror der Griechen durchleuchtet Kleist. Was bei den Frauen der – eigentlich männlich besetzte - Eroberungsakt, ist bei den Männern das Töten. So wie im Amazonenstaat alles, bis in das Kreatürlichste(!), reglementiert ist, herrschen auch bei den Griechen Gesetze, die unverrückbar sind. Achills Welt gerät aus den Fugen und seine Mitstreiter in Panik, weil Achill am Anfang des Stückes Penthesilea nicht tötet. Doch auch er vermag seine Liebe nicht zu leben, vermag sich nicht wirklich zu häuten, zu unterwerfen, sich zu lösen, auch er will vereinen, was ihn zerreißen wird. Ein verzweifelter Aggressor! Lust, Schmerz, Verzweiflung. Wohin führen all die, immer sexuell aufgeladenen/ getriebenen Unterwerfungs- und Untergangsphantasien des Stücks? Was passiert mit Menschen, die so in die Ecke getrieben werden? Und nochmal: wer oder was treibt sie eigentlich so? Feiert Kleist gewalttätige Exzesse? Oder zeigt er vielmehr die Not der Welt?




“Sie stirbt!/ Sie folgt ihm, in der Tat!” Weil ihr auf Erden nicht zu helfen war. Wie Kleist. Der sich auch (als Mörder (oder Sterbehelfer?) Henriette Vogels) die Kugel gibt. Weil er sich nicht zusammen kriegt. Für mich ist “Penthesilea” ein Stück darüber, daß es einem Menschen unmöglich sein kann, die Bruchstücke, die gebrochenen Stücke seiner selbst, zu vereinen, zusammenzukitten.


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